Wer sich fragt, warum das Thema Geschwindigkeitsbegrenzungen gerade in Deutschland so kontrovers und emotional diskutiert wird, kann einmal einen Blick auf die folgende Karte werfen.

World_Speed_Limits
World Speed Limits (links: km/h, rechts: mph) – By Amateria1121 – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37174100

Die Karte zeigt, wo es auf der Welt gesetzlich festgelegte maximale Höchstgeschwindigkeiten gibt. Keine Geschwindigkeitsgrenzwerte gibt es demnach nur in Nord-Australien (einem Teil des Stuart Highway), der Isle of Man, auf der es jedoch keine Autobahnen gibt, und – selbstverständlich – in Deutschland.

Immerhin gilt hierzulande seit dem 01. September 1957 in Ortschaften Tempo 50, die als einzige von ursprünglich drei geplanten Geschwindigkeitsbegrenzungen – Tempo 50 innerorts, Tempo 80 auf Landstraßen und Tempo 90 auf Autobahnen – den Bundesrat überlebte (ursprünglicher Gesetzentwurf des Bundestages vom 14.06.1957). Vorher gab es in Deutschland inner- wie außorts keine Begrenzung der Geschwindigkeit und jede(r) konnte überall so schnell fahren, wie er oder sie es wollte.

Vorbild für die innerörtliche Begrenzung der Geschwindigkeit auf maximal 50 km/h waren damals Großbritannien (30 mph = 48 km/h), Österreich und die Schweiz (beide 50 km/h). Wie das Hamburger Abendblatt 1956 berichtete, erfolgte die Einführung vor allem auf Drängen der Städte Hamburg und Berlin, die immer wieder auf eine erschreckende Zunahme der Verkehrsunfälle hingewiesen hätten.

Hamburg hatte, dem Hamburger Abendblatt zufolge, zwar ursprünglich die Einführung von Tempo 60 in Verbindung mit einem generellen Überholverbot favorisiert. Angesichts von bundesweit rund 13.000 bzw. in Hamburg etwa 300 Verkehrstoten pro Jahr, war man aber durchaus zu Kompromissen bereit.

Der ADAC, Wirtschaftsverbände und viele Politiker befürchteten jedoch, infolge einer innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung würden Verkehr und Wirtschaft kollabieren. Die Daimler-Benz AG schrieb, wie der Spiegel 1956 berichtete, daher an den ADAC: „Wir halten es für unbedingt erforderlich, daß nicht nur die Mitglieder des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, sondern alle Abgeordneten des Bundestages je für sich in unserem Sinne beeinflußt werden.“ Und dieser argumentierte sogleich: „Soll man das Schwimmen verbieten, weil dabei jährlich Hunderte von Menschen ums Leben kommen?“

Noch ein Jahr nachdem die innerörtliche Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt wurde und die Zahl der Verkehrstoten bundesweit merklich zurück gegangen war, wollte die Hamburger Industrie- und Handelskammer, wie der damalige nordrhein-westfälische Staatssekretär für Verkehr Leo Brandt berichtet, die Geschwindigkeitsbegrenzung lieber durch Maßnahmen ersetzen lassen, die aus ihrer Sicht günstiger für den Ablauf des (Wirtschafts-)Verkehrs seien.

Das Hamburger Abendblatt (Beitrag 1 und 2) berichtete damals weiterhin: Die Wirtschaft erwarte, dass einschneidende Maßnahmen in den Hamburger Verkehr vorher mit ihr abgesprochen werden; die Hochbahn wiederum wünsche nun gesetzliche Regelungen, die dem öffentlichen Verkehr eindeutige Vorrechte im Straßenverkehr einräumen.

Und die Zeit, damals ein großer Verfechter der freien Fahrt, fragte noch 1959 öffentlich: „Wollen wir denn wirklich, daß die herrlichen großen Wagen – die Mercedes und Opel, die Ford und BMW, die Porsche und Borgward, die schnellen Sportwagen und die chromglänzenden Amerikaner, die robusten Engländer und die eleganten Franzosen – daß alle diese Autos nicht mehr gebaut und nicht mehr gefahren werden dürfen? Denn wem wäre es wohl zuzumuten, daß er sich ein Rennpferd kauft, um damit Mist zu karren, daß er mit einem schnellen Wagen sich von jedem einigermaßen trainierten Radfahrer überholen läßt?“

Argumente und Positionen von gestern, die jedoch bis heute nachwirken und aktuell kaum anders aussehen, wenn es um die Haltung Hamburger Politiker und Behörden zum Thema Reduzierung der Geschwindigkeit auf jetzt maximal 30 km/h geht. So beispielsweise jüngst Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz: „Im Großen und Ganzen ist der Verkehr unserer Stadt darauf angewiesen, dass wir nicht pauschal von Tempo 50 runtergehen. (…). Es wäre auch schlecht für die Busse oder den Wirtschaftsverkehr.“ Und danach gefragt, warum aus seiner Sicht Tempo 50 denn nun besser als Tempo 30 sei: „Weil es schneller geht.“

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